Trotz aller Erfolge: An der Relevanz vorbei
Posted in Allgemein on April 18th, 2012 by autorEs ist viel geschehen in den vergangenen Monaten. Inzwischen lässt die Piratenpartei bei Wahlen die FDP weit hinter sich zurück (okay, das war einfach) und entwickelt sich zur ernsten Konkurrenz für die Grünen, thematisch sind sich beide sehr ähnlich.
Auch rechtsextreme Parteien sind derzeit kaum ein Thema. Ein Kreuz für die Piraten signalisiert Protest, zieht den Wähler jedoch nicht in den braunen Bodensatz.
Die Piraten verkaufen sich als jung und zeitgemäß, sie behaupten, das Internet verstanden zu haben, und unterstellen etablierten Politikern, das Netzzeitalter zu verschlafen. Eine unglaublich plumpe Masche. Aber sie trägt zum Erfolg der Piraten bei.
Konsequent stürzen sich die Mainstreammedien momentan auf die Piratenpartei, ihre Vertreter sitzen nun auch in den Talkrunden und talken genauso inhaltsleer, aber sympathisch wie die anderen, etablierten Teilnehmer.
Reflexartig reagieren die etablierten Politiker: Die Piratenpartei habe keine Profil, keine Ahnung, keine Konzepte. Das ist genauso dumm wie die Piratenmasche, Angela Merkel und Co. das Verständnis fürs Internet abzusprechen. Das Internet hat kein Geheimnis, und es ist denkbar leicht zu verstehen.
Der Erfolg der Piratenpartei ist gut. Daher bin ich gegenwärtig eher glücklich denn enttäuscht. Nur ahne ich, dass dazu kein Grund besteht. Äußerlich hat sich zwar viel getan. Die jüngsten Ereignisse machen jedoch mehr als deutlich, dass alles beim Alten blieb.
Bodo T., der in der Vergangenheit Verständnis für Holocaustleugnung und den deutschen Überfall auf Polen äußerte, darf Parteimitglied bleiben, entschied das Schiedsgericht der Piratenpartei am 17. April 2012.
Von Bodo T. stammen unter anderem die folgenden Aussagen:
“Wenn Polen Deutschland den Krieg erklärt hat (und das hat Polen indirekt durch die Generalmobilmachung), dann hatte Deutschland *jede* legitimation, Polen anzugreifen.”
“Nun, bis vor einigen Monaten glaubte ich auch, daß diejenigen, die ‘Auschwitz leugnen’ einfach nur pupertäre spinner sind. Damals hatte ich aber auch noch nicht Germar Rudolf gelesen. Sorry, aber das Buch prägt einfach – zumindest wenn man objektiv ran geht.”
“Es hören manche Leute nicht gern. Aber Hitler wollte keinen Krieg.”
Eine Zusammenfassung dieser Sätze findet sich bei Indymedia. Eine gute Quelle ist auch die Hauptmailingliste der Piraten. Wer denkt, das seien alte, dumme Sätze, von denen sich Bodo T. distanziert habe, der erfährt von ihm selbst:
“Im übrigen werde ich mich nicht von meiner Meinung distanzieren.”
Schade, Bodo darf Pirat bleiben und wird weniger behelligt als seine Kritiker, allen voran Mirco da Silva.
O-Ton gemäß Protokoll des Bundesparteitags 2/2010 in Chemnitz:
Versammlungsleiter: Eine zweite Anmerkung: Als Versammlungsleiter obliegt mir ein Hausrecht. Das Hausrecht wird sich auch auf akkreditiert Pirate auswirken können. Und davon werde ich auch Gebrauch machen – zum ersten Mal in 8 Parteitagen. Hiermit schließe ich Mirco da Silva aufgrund des tätlichen Angriffs gegenüber Bodo Thiesen von der Versammlung aus. Bodo Thiesen erteile ich Hausverbot. Dieses Hausverbot bezieht sich nicht auf Quelereien die vorher gelaufen sind, sondern explizit auf diesen Vorfall. ???? Ich hoffe vor diesem Hintergrund versteht ihr, dass ihr den Stream Versammlungsleiter: Tschuldigung. Ich schließe Mirco da Silva aus, nicht Bodo Thiesen, ich habe im, also Mirco, ein Hausverbot erteilt, nicht Bodo. Das Hausverbot und der Ausschluss von der Versammlung bezieht sich auf Mirco.
Versammlungsleiter: Noch ein paar Worte: Ich bin grad stink sauer, dass wir auf so einem Niveau arbeiten müssen. Wir sind alle erwachsene Menschen, wir können alle miteinander arbeiten. Ich kann nicht alle leiden, aber ich kann mit allen auf einer professionellen Ebene arbeiten. Da müssen wir alle hin kommen.
Applaus.
Na gut, die Partei wird einen Trick fnden, sich des unerwünschten Mitglieds zu entledigen.
Tagespolitisch gäbe es viel zu kommentieren. So wurden gerade wieder die Übertragungsrechte der Bundesliga verkauft und die ARD werden wie gehabt künftig eine dreistellige Millionensumme pro Saison dafür springen lassen. Grundversorgung? Wohl kaum.
Die Vorratsdatenspeicherung spaltet Union und FDP, aber die Piraten halten sich raus. Vermutlich sagt sich die Parteispitze, dass sie sich nicht zu allem äußern kann. Stimmt natürlich. Ein Topthema der Piraten ist halt gerade “Piratenpartei lehnt Inzestverbot ab”:
Wenn das die Prioritäten sind …
